Mittwoch, 6. April 2011

Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg

Zwischen Japan und Deutschland mögen zwar gut 9000km liegen, das Erdbeben dort jedoch erschütterte auch die deutsche Politik nachhaltig. Ein grüner Minister-Präsident wird erstmalig in der BRD-Geschichte antreten und in neuen Umfragen haben die Grünen nun die SPD in der Sonntagsfrage überholt. Eine der größten Demonstrationen seit der Jahrtausendwende zog in nur 4(!) Städten durch die Strassen und bei Facebook boomt der Trend, sein Profilbild mit einem "Atomkraft- nein danke!"-Button zu dekorieren. Grün ist Trend- selbst Schwarz-Gelb vergrünt in einem populistisch-opportunistischem Aktivismus vor und nach der BaWü-Wahl stark.

Zur Erinnerung: SPD und Grüne wollten den Ausstieg aus der Atomenergie bis 2022 erreichen und machten daraus ein Gesetz. Im von Schwarz-Gelb ausgerufenen 'Herbst der Entscheidungen' wurde die "Energierevolution" quasi als Jahrhundertreform ausgerufen: die AKW-Betreiber dürfen länger extrem profitablen Strom ohne Nachrüstung etc. produzieren, und von dem Gewinn-Kuchen würde der Staat auch ein wenig abbekommen um damit den Einsparzielen gerecht zu werden. Ausstieg aus dem Ausstieg.
Dann kam Fukushima und ließ den Frühling der Reue/des Katers erscheinen- es gibt nun Stimmen selbst in den Regierungsparteien, die das Rot-Grüne Ziel von 2022 zu unterbieten versuchen. (in der deutschen Bevölkerung hat dies einen Rückhalt von 64%!) Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg.
Die radikalisierte Masse verlangt sogar zwischen den Zeilen den quasi sofortigen Ausstieg- wir könnten die Lücke ja mit Kohlestrom abfangen.
Und eine kleine Gruppe hält sich fast unbemerkt, die für einen Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg ist.

Das Schreckgespenst von dramatisch erhöhten Strompreisen, die den Haushalten die letzten verbleibenden Euros herauspressen und die Wirtschaft-lähmen wird vor allem von  Personen á la Rainer Brüderle am stärksten heraufbeschworen, der in einem schon länger vergangenen Bericht (ich meine Sommer 2010) dies noch nicht so sah. Aber man muss ja Dagenen sein gegen die zum Trend verkommene "Dagegen-Partei".
Und man trifft diese Behauptungen überraschend immer wieder an. Verständlich, da "mehr Kosten" sich bei ALLEM wie ein Lauffuer verbreitet und Angst und ein en Protest herraufbeschwört. Rechnungen, wie dass es für einen kleinen Haushalt knapp 60 Euro (manche sagen nur 40) im Jahr ausmachen wird, helfen dort nicht viel. Aus eigenen Vergleichen weiß ich, dass Ökostrom kapp 21 Cent kostet die kwh, der örtliche Strom von RheinEnergie oder RWE knapp 19-20. Unsummen! Fast 5% höhere Strompreise...nicht, dass diese schon jährlich sowieso steigen würden- laut den meisten Verbraucherschützer-Verbänden ohne stichhaltige Begründungen. Längst abgeschriebene Atom-Meiler spülen den Energieunternehmen quasi Rein-Gewinne in die Taschen, diese machen Rekord-Umsätze und -Gewinne, erhöhen trotzdem die Preise in dem Maß, wie Ökostrom schon heute teuerer ist als normaler Strom. Dabei ging jedoch kaum ein Aufschrei durch die Republik- was trauriger Weise wieder nur darauf hinweist, welche Lobby effektiver ist und die wichtigen Zeitungen beeinflusst.

Fast gänzlich vergessen wird von den Neu-Ökos jedoch, dass AKWs bisher noch die nahezu klimafreundlichste Strom-Produzenten sind- die Auffang-Kohle hingegen der klimaschädlichste. Ein Atomausstieg as soon as posible würde nicht die 100%ige Energiegewinnung aus regenerativen Quellen bedeuten, sondern die klimaschädliche Verfeuerung fossiler.
In der Frage ob Neu-Öko, Neu-Atom-Freund, Extrem-(Neu)-Öko, Pro-Atom(schon vor 2010/2011) und der ursprünglichen Lösung kann ich mich für meinen Teil voll und ganz mit dem ersten, gefällten Entschluss anfreunden, Ausstieg bis 2022, währenddessen konsequenter Aufbau einer regenerativen Energie-Versorgung und Angestrebte 100% regenerative Energie in ein paar Jahrzehnten. Am besten im Verbund mit 'smart grids', Strom aus der Sahara und Gezeiten-Kraftwerken in Skandinavien und Windparks in der Nordsee. Die Umkehrung des lobby-verstärkten (um nicht zu sagen erwirkten) Ausstieg aus dem Ausstieg finde ich sehr positiv (wenn nun auch aus falschen Beweggründen stattfindend)- eine Radikalisierung der Pläne jedoch zu sehr ideologisch und kaum realistisch. Alternativ ist die Wissenschaft nun auch schon weiter: es gibt Möglichkeiten das Rest-Risiko nahezu zu eliminieren und annähernd 100%ig sichere Reaktoren zu bauen. Da diese jedoch die Gewinnspanne radaikalst verkleinern würden und teuer in der Umrüstung wären, findet dies bei Regierung und Konzernen keine Beachtung. Hier hätte man beim Ausstieg aus dem Ausstieg ansetzten können- nun gibts gewissermaßen die Rechnung für einmal getroffene (Fehl)Entscheidungen. Und das Schönste an allem: Deutschland ergrünt sichtlich- ökologisch-nachhaltiges Denken wird mehr und mehr auch zu einem Faktor bei der Wahlentscheidung. Weiter so!

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Update Samstag 09.04.

Der Deutschlandtrend der Tagesschau benennt übrigens genaue Zahlen, wie groß welches Lager ist. LINK

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Update 10.04.2011

Aus einem Artikel der ZEIT

"Am besten, man misst die Atomfans an ihren eigenen Zahlen und Prognosen. Als Schwarz-Gelb im vergangenen Herbst ein Gutachten zu den Folgen der Laufzeitverlängerung erstellen ließ, wurde nebenbei auch durchgerechnet, was beim vergleichsweise raschen Atomausstieg passieren würde. Das Resultat: geringfügig steigende Preise (weniger als ein Euro monatlich) und keine nennenswerten Auswirkungen aufs Wachstum. In der politischen Debatte blieben diese Zahlen unerwähnt, sie passten nicht zum Willen, die Meiler länger am Netz zu lassen. Da aber niemand aus Industrie und Politik damals am Gutachten zweifelte: Warum sollte man es jetzt tun?" LINK

Hier der Link zum Handesblatt Artikel aus dem September 2010, der aus dem Bericht der Budnesregierung berichtet und ansagt, dass der vorzeitige Umstieg lediglich knapp einen Euro pro Monat kosten würde LINK

2 Kommentare:

  1. Letztes Jahr ist im Golf von Mexiko eine Ölbohrinsel versunken und Milliarden Liter Öl ins Meer geflossen. Beim Lernen für den Führerschein habe ich gelernt, dass ein Tropfen Öl 500 Liter Wasser verseucht.
    Do the math.

    Davon, geschweige denn von einem Tiefsee-Ölforderung-Ausstieg, hört man garnichts mehr.

    Es bleibt zu hoffen, dass der derzeitige Aufschrei zu einem gesunden Mittelweg führt: Kein überstürzter Ausstieg und kein Verhallen der Diskussion.

    Danke für Deinen Artikel.

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  2. http://www.zeit.de/2011/15/01-Kernenergie

    "Am besten, man misst die Atomfans an ihren eigenen Zahlen und Prognosen. Als Schwarz-Gelb im vergangenen Herbst ein Gutachten zu den Folgen der Laufzeitverlängerung erstellen ließ, wurde nebenbei auch durchgerechnet, was beim vergleichsweise raschen Atomausstieg passieren würde. Das Resultat: geringfügig steigende Preise (weniger als ein Euro monatlich) und keine nennenswerten Auswirkungen aufs Wachstum. In der politischen Debatte blieben diese Zahlen unerwähnt, sie passten nicht zum Willen, die Meiler länger am Netz zu lassen. Da aber niemand aus Industrie und Politik damals am Gutachten zweifelte: Warum sollte man es jetzt tun?"

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